Feierliche Einweihung 
am 26. Juni 2022

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Festrede von Martin Pollack

Wir haben uns heute an diesem Ort zusammengefunden, wo im März 1945, wenige Wochen vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs, 29 ungarisch-jüdische Zwangsarbeiter von Mitgliedern der SS und Hilfsmannschaften erschossen und erschlagen wurden. Aus keinem anderen Grund, als dass sie Juden waren. Für sie wird 77 Jahre später ein Mahnmal enthüllt. Das ist sehr spät. Es ist eine grausige Ironie des Schicksals und gleichzeitig beispielhaft für die unglaubliche Brutalität und Entmenschlichung der Täter, dass die Opfer ausgerechnet hier zu Tode gebracht und verscharrt wurden, direkt neben dem Schindanger, dem Aasplatz des Dorfes, wo die Bauern ihr verrecktes Vieh eingruben.


Lange Zeit haben wir uns eingeredet, der Holocaust, die Massenvernichtung der Juden, befohlen und dirigiert von Deutschen und Österreichern, habe irgendwo weit im Osten stattgefunden, in fernen Vernichtungslagern wie Auschwitz, Treblinka, Majdanek, Bełżec und Sobibór, um nur ein paar Namen zu nennen. Der Name Auschwitz ist denn auch international zu einem Symbol für den Holocaust geworden. Doch genauso viele Opfer wie in den Gaskammern der Vernichtungslager sind durch Kugeln ums Leben gekommen, durch Erschießungskommandos der Einsatzgruppen und anderer Formationen, in den killing fields der Ukraine, von Belarus, Russland, Litauen und Polen, wie der amerikanische Historiker Timothy Snyder überzeugend dargestellt hat.


Und der Holocaust, dieser alle Vorstellungen sprengende Zivilisationsbruch, der dem zwanzigsten Jahrhundert seinen unauslöschlichen Stempel aufgedrückt hat, hat auch hierzulande stattgefunden, in scheinbar beschaulichen Orten wie Jennersdorf, in den umliegenden Wiesen, Feldern und Wäldern, in denen die Opfer erschossen und eilig verscharrt wurden. Heute gibt es kaum mehr Spuren der damaligen Verbrechen, es ist daher unsere Aufgabe, diese in Erinnerung zu rufen. Wie so viele jener Massaker war auch dieses hier, dessen wir heute gedenken, eine schreckliche Begleiterscheinung der so genannten Todesmärsche. Zehntausende Juden, ausgemergelt und erschöpft, wurden bei Kriegsende durch das Land getrieben, wer nicht weiterkonnte, wer zu geschwächt und krank war, wurde kaltblütig ermordet. Eine Spur des Todes zog sich durchs Land.


Solche Orte, solche Landschaften gibt es in unserem Land viele. Und es hat lang gedauert, viel zu lang, bis wir uns bereitfanden, uns dieser so schmerzlichen wie unbequemen Tatsache zu stellen und zumindest den Versuch zu machen, die näheren Umstände der Taten zu klären, die Namen der Opfer herauszufinden, aber auch, ebenso wichtig, die Identität der Täter, obwohl es in vielen Fällen dafür längst zu spät war. Wir haben das lang vor uns hergeschoben, haben gezögert, und es gibt noch heute Stimmen, die fordern, Schweigen über die Verbrechen und die Täter zu breiten, sie dem Vergessen anheimfallen zu lassen. Diese Haltung ist leider weit verbreitet. Verschweigen und Verdrängen haben in unserem Land eine lange Tradition.


Vielerorts gab es heftigen Widerstand gegen die Errichtung von Mahnmälern wie hier. Und diesen Widerstand gibt es heute noch. Da werden Forderungen laut, endlich einen Schlussstrich zu ziehen und die Geschichten von damals nicht immer wieder aufzurühren, das mache nur böses Blut und trage dazu bei, das gedeihliche Zusammenleben der Menschen zu vergiften. Ist es nicht genau umgekehrt? Natürlich können Schweigen und Vergessen wohltuend sein, sie sind unersetzliche Bestandteile unseres Lebens. Doch Schweigen und Vergessen können sich auch als gefährlich erweisen, sie können den moralischen Zusammenhalt einer Gemeinschaft bedrohen und zersetzen.


Ich bin überzeugt, dass sich die dunklen Kapitel der Vergangenheit, über die wir hier sprechen, durch Schweigen und Vertuschen nicht bannen lassen. Wer das versucht, macht sich etwas vor. Die Erfahrung lehrt uns, dass irgendwann, bei irgendeiner Gelegenheit alles ans Tageslicht kommt, auch und gerade die grausamsten Verbrechen. Auch wenn sich die Täter alle Mühe gegeben haben, die Opfer unerkannt verschwinden zu lassen, ohne Grab, ohne Stein. Keiner soll ihrer gedenken. Auch die Mordstätten selber sollten aus dem kollektiven Bewusstsein getilgt werden, sie sollten aufgehen in der Landschaft. Ich habe in diesem Zusammenhang von kontaminierten Landschaften gesprochen, nicht etwa, weil die dort verscharrten Opfer die Landschaft kontaminieren, nein, die Landschaft wird kontaminiert durch die Verbrechen, die Massaker, die wie ein düsterer Schatten über dem Land liegen und durch nichts ungeschehen gemacht werden können.


Es ist unsere Pflicht, die Opfer und die Örtlichkeiten, wo sie auf schändliche Weise zu Tode kamen, dem Vergessen und Verdrängen zu entreißen, den unschuldigen Opfern nach Möglichkeit ihre Namen und ihre Gesichter zurückzugeben und ihre Geschichten zu erzählen. Auch und gerade das tragische Ende. Denn es sind immer Einzelschicksale, die uns das Unbegreifliche zumindest ansatzweise verstehen lassen. Ganz werden wir nie begreifen, wie es möglich war, dass sich ganz gewöhnliche Männer, um einen Begriff des amerikanischen Historikers Christopher Browning zu verwenden, innerhalb kurzer Zeit zu grausamen Mördern verwandeln konnten, die oft sogar Freude daran empfanden, unschuldige Menschen zu quälen und zu ermorden. Aus keinem anderen Grund, als dass die Opfer Juden waren. Oder Roma und Sinti, Angehörige anderer Minderheiten, Widerstandskämpfer, russische Kriegsgefangene usw. Die Liste der Opfer ist lang.


Ich habe hier mit Absicht den Begriff ganz gewöhnliche Männer verwendet, denn wenn die Täter Monster gewesen wären, krankhafte Außenseiter der Gesellschaft, Geschöpfe aus dem Schlund der Hölle, wie das später gern behauptet wurde, dann würden wir uns heute viel leichter tun. Dann könnten wir mit Fug und Recht behaupten, wir hätten mit den Monstern, die solche Taten verübten, nichts zu tun.


Wir wissen, dass es sich dabei um Wunschdenken handelt, die Tatsachen erzählen eine andere Geschichte. In nur allzu vielen Fällen waren es Menschen aus der Mitte unserer Gemeinschaft, unsere Väter und Großväter, Freunde der Familie und Bekannte, die sich zu so solchen Taten hinreißen ließen, zu Misshandlungen Unschuldiger und zu Morden. Ich weiß, wovon ich rede, mein leiblicher Vater war ein Täter, aktiv beteiligt am Holocaust. Es ist schmerzhaft, so etwas zur Kenntnis nehmen zu müssen, noch schmerzhafter, offen darüber zu sprechen. Und doch dürfen wir uns das nicht ersparen, unter keinen Umständen, wir dürfen Nichts verschweigen und verdecken, sondern müssen alles aussprechen und auf den Tisch legen. Das sind wir dem Andenken an die Opfer schuldig, aber auch uns selber, unseren Kindern und Kindeskindern.


In diesem Zusammenhang möchte ich auch auf das Verhältnis unserer Gesellschaft zu den Tätern nach 1945 zu sprechen kommen. Es ist kein Geheimnis, dass viele Täter nach dem Krieg scheinbar unbeschadet wieder von der Gemeinschaft aufgenommen wurden als sei nichts geschehen, manche buchstäblich mit Blut an den Händen. Kaum jemand fand es ungehörig, ja skandalös, dass Täter gleich nach dem Krieg wieder in ihre alten Berufe zurückkehrten, als Bauern und Arbeiter, Gendarmen, Gastwirte, Rechtsanwälte, Ärzte und Bürgermeister …


Die Gesellschaft hatte offenbar kein Problem damit, die Täter samt ihrer blutigen Vorgeschichte zu akzeptieren, die oft allgemein bekannt war. Das Stellt ihr kein gutes Zeugnis aus. Selbst wenn einmal jemand vor Gericht gestellt wurde, dann waren ihm in den meisten Fällen die Sympathie und oft die aktive Unterstützung der Mitbürger sicher, die für ihn aussagten, nicht selten die Hand ins Feuer legten, wie es so schön heißt.


Die Nachkriegsjustiz in Österreich hat leider das ihre zu dieser dumpfen Atmosphäre beigetragen, geprägt von Verleugnen und verordnetem Vergessen. Auf diese Weise entstand ein Klima, das bis heute negativ auf das Rechtsempfinden der Gesellschaft und ihre Beziehung zur Vergangenheit auswirkt. In breiten Kreisen setzte sich die Überzeugung fest, die Morde an den Juden seien anders zu sehen als gewöhnliche Morde, sie wögen leichter, denn schließlich seien sie von oben angeordnet worden und daher faktisch unvermeidlich gewesen. Befehlsnotstand lautet das Zauberwort, das so vieles erklären und exkulpieren soll.


Dazu passt es, dass wir bis heute bei vielen Denkmälern für Kriegsopfer vergeblich nach jüdischen Opfern suchen, dasselbe gilt für Roma und Sinti und die Angehörigen anderer Gruppen. Sie bleiben bis heute ausgeschlossen, ganz so, als wären sie keiner Erwähnung wert. Das hat sich in den letzten Jahren geändert, langsam zwar, doch immerhin. Die heutige Gedenkfeier ist dafür ein schönes, ein begrüßenswertes Beispiel, dem andere folgen mögen. Wir sind den Initiatoren des heutigen Gedenkens zu Dank verpflichtet. Und ein Dank gebührt auch den Menschen, die heute hierhergekommen sind. Wie wir alle wissen, war das noch vor gar nicht so langer Zeit keine Selbstverständlichkeit.


In diesem Zusammenhang muss auch erwähnt werden, dass es neben den Tätern und den zahlreichen Mitläufern, die oft schweigend ihr Einverständnis mit den Schergen erklärten, auch Menschen gab, die sich den Drohungen und dem brutalen Druck des Terrorregimes nicht beugten und in vielen Fällen sogar aktiv Hilfe leisteten. Ein Stück Brot, einem Gefangenen insgeheim gereicht, ein Schluck Wasser, immer gewärtig, den Zorn der Bewacher auf sich zu ziehen. Das waren unter den damaligen Bedingungen Heldentaten, denn jedem Helfer musste klar sein, dass er sich mit so einer Geste selber in Gefahr brachte, vielleicht sogar die ganze Familie. Und trotzdem haben viele es gewagt. Auch ihrer wollen wir heute gedenken.


Gedenkfeiern dürfen nie zu leeren Ritualen verkommen, wir wissen nur zu gut, wie notwendig es ist, die Erinnerung an die Vergangenheit lebendig zu erhalten, mit all ihren dunklen, oft mörderischen Seiten. Gerade in Zeiten wie diesen, da Europa wieder im Bann des Totalitarismus steht, der rücksichtslos das Recht des Stärkeren, das Recht der Faust durchzusetzen versucht. Das gilt nicht nur für Putins Russland. Der Totalitarismus in allen seinen Schattierungen, die schlimmste Bedrohung für die Demokratie, findet auch anderswo Anhänger und Bewunderer. Wir brauchen nur über die Grenze zu schauen. Und auch in Österreich selber registrieren wir solche Tendenzen, wie gerade die jüngste Vergangenheit gezeigt hat.


Wir erleben ein rasantes Erstarken rechter und rechtsextremer Strömungen und Gruppierungen, die gern auf die Vergangenheit zurückgreifen und sich aus der Mottenkiste der Geschichte bedienen. Dabei schrecken sie auch nicht davor zurück, sogar den Holocaust für ihre Zwecke zu instrumentalisieren und sich mit seinen Opfern zu vergleichen. Eine Beleidigung der wahren Opfer, der wir entschlossen entgegentreten müssen, wollen wir uns nicht des Verrats an den Juden schuldig machen, die im März 1945 an dieser Stelle ermordet wurden.


Martin Pollack, Jennersdorf, 26. Juni 2022